Wie nötig ist der primäre Wundverschluss wirklich?

0

Welcher Implantologe fürchtet nicht die Nahtdehiszenzen nach primärer Deckung größerer Kieferaugmentationen. Man schlitzt, mobilisiert, verschiebt die Rot-Weiß-Ästhetik, reduziert das Vestibulum, vernäht mehrschichtig und hat alle Regeln der Kunst beachtet – und manchmal geht die Wunde doch wieder auf. Da wissenschaftliche Leitlinien zum Umgang mit Nahtdehiszenzen fehlen,  bleibt nur die eigene Erfahrung und die der Kollegen.

Im Allgemeinen stellt sich heraus, dass bei entsprechender Augmentationstechnik und unter dem Schutze einer geeigneten Kollagenmembran Nahtdehiszenzen in einem Zeitraum von ein bis zwei Wochen über sekundäre Granulation schließen, ohne dass eine große Gefahr für massiven Augmentatverlust besteht. Auch  Extraktionsalveolen werden bereits seit Jahren nach Augmentation oft nur noch mit Kollagenmembranen abgedeckt und heilen dann offen ein.

Mit diesen Überlegungen im Hintergrund haben wir – und im Übrigen auch einige andere niedergelassene Kollegen – ein praxistaugliches Konzept entwickelt, mit dem wir auch bei größeren Augmentationen ohne die oben genannte Nachteilsdefinition erfolgreich arbeiten können – die „offene Heilung“.

Wir verzichten auf die Periostschlitzung und Mobilisierung, lassen die Rot-Weiß-Grenze und das Vestibulum dort wo sie hingehören und stabilisieren das Augmentationsmaterial – Bio-Oss angemischt mit steriler Kochsalzlösung – mit einem Titangitter. Nachdem sich Bio-Gide schon bei Nahtdehiszenzen und offen heilenden Alveolen als effektiver Schutz bewährt hat, sind wir dazu übergegangen, diese auch als Schutzbarriere bei Kammaugmentationen zu verwenden und die Wundlappen offen zu adaptieren. In der Packungsbeilage der Bio-Gide wird zwar die offene Heilung nicht grundsätzlich empfohlen, aber es ist auch der Hinweis zu lesen, dass erfahrungsgemäß meist doch eine zufrieden stellende Heilung erfolgt, falls ein vollständiger Wundverschluss nicht möglich ist. Somit ist die offene Heilung per se keine Kontraindikation. Natürlich löst sich das dem Mundmilieu ausgesetzte Kollagen innerhalb von zwei Wochen auf und das Titangitter liegt frei. Aber es scheint, dass sich das neue Callusgewebe in dieser Zeit ausreichend im Augmentat etablieren konnte, dass es bis auf die oberste Schicht nicht mehr mit dem Bindegewebe konkurrieren muss. Die neue Schleimhaut bildet sich unter dem Gitter, das nach ca. drei bis vier Monaten mit relativ geringer Invasivität entfernt werden kann. Nochmal eine Woche später beobachten wir ausgeheilte Weichgewebeverhältnisse und weitere drei Monate später wird die Implantation angesetzt. Durch den Verzicht auf die Mobilisierung können wir nach Heilung gleichzeitig ein ausreichend breites Band an keratinisiertem Gewebe erwarten, ohne postaugmentativ große Weichgewebechirurgie mit den bekannten Nachteilen für den Patienten betreiben zu müssen.

Was die Patienten angeht, werden diese angewiesen mit der Zunge fern zu bleiben und bis zur Nahtentfernung jeden zweiten Tag zur Nachkontrolle und CHX-Behandlung zu erscheinen. Eine antibiotische Abschirmung betrachten wir bei Patienten ohne erhöhtes Risiko inzwischen nicht mehr als zwingend.

Wer diese Technik für seine Praxis umsetzen möchte, sollte sich jedoch vorsichtig vorantasten. Nicht jede Kollagenmembran ist für diese Art der offenen Einheilung geeignet. Außerdem ist eine perfekte Vorbehandlung und Mundhygiene des Patienten zwingende Voraussetzung.

Dr. Georg Taffet

Bild05

Fallbeschreibung

Share.

About Author

Zahnarzt, Dr., MSc. Implantologie, MSc. Orale Chirurgie

Comments are closed.